Geschichte und Geschichten

aus Rehburg-Locccum

Kulturerbe - Siegel für Loccums Klosterlandschaft

Kulturerbe-Siegel für Loccums Klosterlandschaft

17 Städte aus fünf europäischen Staaten haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen das Europäische Kulturerbe-Siegel verliehen bekommen. Die Zisterzienserklöster, die in diesen Städten vor Jahrhunderten gegründet wurden, haben die Kommunen zusammengeführt. Auch im niedersächsischen Loccum liegt eines dieser Klöster. 

„Es soll ein großes paneuropäisches Projekt werden“, sagt Rehburg-Loccums Bürgermeister Martin Franke. Vernetzung ist das Stichwort, das er in den hallenden Raum der kleinen Johannes-Kapelle des Klosters Loccum wirft. Diese Vernetzung macht er mit einer Karte deutlich, auf der Kreuze des Zisterzienser-Ordens in Tschechien und Polen, der Slowakei, Österreich und Deutschland eingezeichnet sind.

Der Antrag der 17 Kommunen sei im September 2021 eingereicht worden, erzählt Franke weiter. Von den Kommunen, nicht von den Klöstern oder deren Nachnutzern. Denn nicht die geistlichen Stätten und deren mehr oder weniger beeindruckende Bauten sollen das Kulturerbe-Siegel bekommen, sondern die Landschaften um sie herum. Landschaften, die von Mönchen verändert und geprägt wurden.

Info-Box: Das Kulturerbe-Siegel
Mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel können Kulturdenkmale, Kulturlandschaften, kulturelle Stätten oder Gedenkstätten ausgezeichnet werden, die einen Zusammenhang zur europäischen Einigung haben oder an die gemeinsamen europäischen Werte erinnern, eine Rolle in der europäischen Geschichte spielen oder gespielt haben oder als Symbol für die Europäische Kultur stehen. Das Siegel wird seit 2007 verliehen. In Deutschland sind bislang fünf Stätten mit ihm ausgezeichnet worden. In Niedersachsen dürfen sich die Rathäuser von Osnabrück und Münster als Stätten des Westfälischen Friedens mit dem Siegel schmücken.

Zur Landschaft um Loccum gibt Christian Wiegand Auskunft. Der Landschaftsplaner aus Hannover erzählt von den neun Nächten, die er samt Hund in Loccums Pilgerhaus verbracht hat. In den zugehörigen Tagen strich er durch die Landschaft und kam den Zisterziensern auf die Spur. Wiegand lädt auf eine Erkundungstour ein. Zuerst zum Brauteich innerhalb der Klostermauer, angelegt von Mönchen kurz nach der Klostergründung und zum Zweck der Wasserversorgung des Klosters.

Birgit Birth – hier mit Oliver Wolf vom Bauamt der Landeskirche Hannovers - in einem der Entwässerungsstollen des Loccumer Klosters. Sie wurden noch vor dem Bau der Stiftskirche angelegt.

„Die Zisterzienser hatten ein ausgeklügeltes System für ihre Wasserwirtschaft“, berichtet er und deutet auf Kloster und Stiftskirche. Darunter, sagt er, befinde sich ein Kanalsystem mit Schächten, die teilweise zwei Meter hoch seien. „Zuallererst haben sie die Kanäle gebaut“, erläutert er und erzählt mit nahezu ehrfürchtigem Tonfall von dem Plan, mit dem zwölf Mönche samt Abt 1163 in die sumpfige Niederung Loccums kamen. Einer der wichtigsten Bestandteile dieses Plans sei die Wasserwirtschaft gewesen. Denn Wasser, das wussten die Mönche, war entscheidend für das Gelingen ihres Vorhabens.

Beckerbeeke: Bauliche Meisterleistung der Zisterzienser

Wiegand führt seine kleine Gruppe auch jenseits der Klostermauer. Die Beckerbeeke möchte er unbedingt vorführen. Auf den ersten Blick ist diese Beeke nicht der Rede wert. Ein winziges Bächlein, das sich an Feldrändern entlang schlängelt bis es im Wald gen Kloster fließt. „Aber“, wirft Wiegand ein, „diese Beeke ist von den Mönchen angelegt worden.“ Zwei Kilometer sei sie lang und – das sei der Clou – über diese weite Strecke mit minimalstem Gefälle angelegt. Eine bauliche Meisterleistung der Zisterzienser! Einen ganzen Aktenordner mit vielen weiteren Beispielen füllt seine Inventarisierung.

Selbstzweck soll diese Inventarisierung nicht sein. In allen 17 Klosterkommunen wird mit ähnlichen Ergebnissen derzeit an zwei gemeinsamen Projekten gearbeitet. Das eine ist das Erstellen von Modellen dieser Landschaften, die die Veränderungen deutlich machen. Veränderungen, die dem Zisterzienser-Orden zugeschrieben werden können. Wie die Beckerbeeke. Das zweite ist ein Wanderweg über 5.000 Kilometer, der die 17 Klosterlandschaften miteinander verbindet und über sie hinausführt.

Weg der Zisterzienser wird 5.000 Kilometer lang

Diesen Weg erschafft Hans-Georg Sievers. „Ein guter Weg funktioniert nur mit einer guten Geschichte“, sagt er.
Er muss es wissen, denn Wege sind das Metier seines Planungsbüros für Wandertourismus. Die Geschichte, die Sievers sich als Grundlage auserkoren hat, beginnt in Citeaux in Frankreich.

Dort echauffierte sich Benediktiner-Mönch Robert de Molesme im Jahr 1098 derart über den ausschweifenden Lebensstil und den angehäuften Reichtum seines Ordens, dass er eine Gegenbewegung schuf: Den Zisterzienser-Orden. Von der eigenen Hände Arbeit sollten die Mönche leben, demütig und konzentriert auf Gott. Mit ora et labora – bete und arbeite – als Motto begann der Siegeszug der geistlichen Gemeinschaft. Die Idee schlug ein, um 1300 hatten die Zisterzienser bereits 742 Niederlassungen gegründet, die über große Teile des europäischen Kontinents verstreut waren. 

Europäische Wanderbewegung wieder aufgreifen

An diesem Punkt setzt Sievers an, denn die Äbte jener Klöster hatten beschlossen, sich einmal im Jahr zum Generalkapitel in Citeaux zu treffen. Europäische Wanderbewegungen, die dazu dienen sollten, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu profitieren. Im geistlichen Sinne, aber auch in allem, was die Klöster als Wirtschaftsbetriebe erfolgreich gemacht hatte.

Die Wanderungen der Äbte dienen Sievers als Inspirationsquelle. Nirgendwo sei verzeichnet, welche Wege sie nahmen, sagt er, Viele Routen seien aber naheliegend. Und so brütet er über Karten, spürt vorhandenen Wanderwegen nach, setzt sich mit der Historie des Ordens auseinander und ist auf der Pirsch nach Routen, die sich als geeignete Wanderwege herauskristallisieren könnten. Über eine Gesamtstrecke von 5.000 Kilometern. Der längste Weg, den er jemals ausarbeiten durfte, und einer, der seinesgleichen sucht.

Info-Box:  Der Weg der Zisterzienser
Der längste Wanderweg der Welt wird es nicht werden, den Hans-Georg Sievers plant. Diesen Titel hat sich bis dato der Trans Canada Trail mit rund 24.000 Kilometern gesichert. Mit 5.000 Kilometern auf den Straßen und Pfaden, auf denen Mönche einst zum Generalkapitel in Citeaux pilgerten, hat der Weg der Zisterzienser aber gute Aussichten, in die Liste der zehn längsten Wanderwege der Welt aufgenommen zu werden.

Ein durchgehender Weg wird es nicht, das steht für Sievers fest. Zu sehr sind die Klöster in alle Himmelsrichtungen verteilt. Sternförmig von jedem Kloster bis zur Tür in Citeaux soll es aber auch nicht gehen. „Ich stelle mir vor, wie die Äbte sich einander auf ihrer weiten Reise abholten“, sagt er. So führen Wege sich fort.

(Hans-Georg Sievers)

Eine dieser Route beginnt am Kloster Kostanjevica in Slowenien und führt mit Verzweigungen über Tschechien, Österreich und Deutschland nach Frankreich. In der Mitte Deutschlands stehen gleich mehrere Strecken für geübte Wanderer zur Auswahl. Mal durch die Landschaften Thüringens, dann bis nah an die niederländische Grenze zur Abtei Altenberg.

Die längste zusammenhängende Strecke nimmt ihren Anfang im polnischen Wagrowiec, schlägt einen Bogen nach Mecklenburg.-Vorpommern und führt weiter nach Niedersachsen. Bevor Wanderer nach Frankreich gelenkt werden, steuert er das Kloster Loccum an. Das einzige niedersächsische Kloster, das sich an dem Projekt um das Kulturerbe-Siegel beteiligt.

Beim Spaziergang durch Loccums Klosterforst kniet Sievers am Backteich neben dem Mönch nieder. Der hölzerne Kasten auf Klostergelände mit dem bezeichnenden Namen ist ein weiteres Relikt der Wasserwirtschaft, auf die Wiegand auch immer wieder hinweist.

Solch ein Mönch beinhaltet ein ausgefeiltes technisches System, das die Wasserstände von Teichen reguliert. Die Böden der Gewässer und die Ablaufwerke sind so konzipiert, dass Teiche sogar komplett trockengelegt werden können. 

„Gut vorstellbar, dass die Zisterzienser die Bauanleitung für diesen Mönch aus dem Generalkapitel mitgebracht haben“, sagt Sievers und klopft auf das Holz. Aus Citeaux in viele Länder Europas. Vorreiter des europäischen Gedankens?

Ungefähr so erklärt es Birgit Birth. Die Geschäftsführerin im Kloster Loccum gehört zu denen, die an der Erforschung der „Cistercian Landscapes“, also der Zisterziensischen Landschaften, mitarbeiten. Sie schwärmt von den jährlichen Treffen im Generalkapitel, davon, dass kein Abt das, was in seinem Kloster entdeckt wurde, für sich allein behalten wollte. Dass ihre Klöster dadurch blühen und gedeihen konnten. Das, setzt Birth hinzu, habe allerdings auch zum Niedergang des Ordens geführt: Das Leben in Bescheidenheit und Demut, das für Robert de Molesme das Konzept des Ordens war, sei in Gütern und Reichtum zugrunde gegangen.

An diesem Punkt klinkt Franke sich ein. „Ist es mit diesem Orden nicht ähnlich wie mit Europa?“, fragt er. Zuerst seien alle begeistert gewesen von der Idee und hätten an einem Strang gezogen für ein vereintes Europa. In wie vielen Ländern herrsche nun eine gewisse Europamüdigkeit. 

Neue Begeisterung für die alte Idee „Europa“ schaffen

„Wir wollen die europäische Idee beleben“, sagt er. Neue Begeisterung für die alte Idee der „Reformbewegung Europa“ schaffen. Das Kulturerbe-Siegel für die zisterziensischen Klosterlandschaften solle ein Baustein zu diesem Ziel sein.

Geht alles gut, wird das Siegel 2024 verliehen. Um dann mit Leben gefüllt zu werden. In Loccum wollen Franke und Birth die Auszeichnung touristisch nutzen. Mit den Wanderern auf dem Weg, den Sievers zusammenstellt. Und auch mit jenen Touristen, für die sie Tagestouren in die Klosterlandschaft Loccums auf den Spuren der fleißigen Mönche ausarbeiten lassen. Zu deren Errungenschaften in der Wasserwirtschaft, aber auch zu Grangien und Höfen, die sie in der Nähe unterhielten, als der Zisterzienser-Orden in Loccum noch höchst präsent war.

An der Beckerbeeke staunen Franke und Birth mit Wiegand noch einmal über das, was den Zisterziensern gelang, weil sie bereit waren, ihre Erfahrungen auszutauschen. Solch ein intensives Netzwerk erhoffen sich auch die Rehburg-Loccumer.

Februar 2022
Text und Fotos: ade