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Wirtschaft

Frischli Milchwerke setzen auf Expansion


Die Milch macht’s – bei den frischli-Milchwerken in Rehburg seit mehr als 120 Jahren. Das mittelständische Familienunternehmen ist gut aufgestellt, wächst nahezu ständig und ist gewillt, an einem nicht in jeder Hinsicht optimalen Standort zu bleiben. Wir haben Geschäftsführer Timo Winkelmann nach den Gründen gefragt.

Für den Frieden im Dorf sind die frischli-Milchwerke schon mal bereit, in die Tasche zu greifen. Jüngst etwa mit der Zusicherung, die geplanten Erweiterungsbauten des Werks in Rehburg zumindest teilweise zu begrünen. Ein Anliegen von Anwohnern, die auf Kompromisse hoffen angesichts des Kolosses von Gebäude, das ihnen vor Nase und Haustüren gesetzt wird. 170 Meter lang und bis zu 31,50 Meter hoch – so sehen die Pläne für das Gebäude aus, das an einer der zentralen Straßen des Ortes entstehen soll.

Stetig gewachsen seit 120 Jahren

Frischli erweitert. Eigentlich ständig seit den Anfängen des Unternehmens vor mehr als 120 Jahren. Rund 20 kleinere Molkereien, schätzt Winkelmann, sind seitdem in dem Unternehmen aufgegangen. Dieser Trend ist ziemlich abgeschlossen. Doch auf dem Werksgelände in Rehburg vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht irgendwo aus- oder angebaut wird.

Ein neues Verwaltungsgebäude oder ein Trockenturm für die Produktion von Trockenmilch. An der grauen Halle, die im vorigen Jahr hochgezogen wurde, steht „The Oat Factory“ – die vegane Linie, mit der die Milchwerke sich vor rund vier Jahren auf den Markt wagten, bekam einen eigenen Namen, als die Rehburger mit dem Lübecker Unternehmen Brüggen eine Kooperation zur Produktion von Haferdrinks eingingen. Es ist ein junger Markt mit Wachstumschancen, in den sich das Unternehmen gewagt hat. Aber auch in seinem Kerngeschäft Milch will frischli noch mehr erreichen – und denkt langfristig.

Herausforderung: Der Sprung über den Südbach

„Vor zehn Jahren haben wir begonnen, uns über Erweiterungen hier am Werk Gedanken zu machen“, berichtet Winkelmann. Allen sei klar gewesen, dass das herausfordernd sei. 1905 war die Molkerei am Rande des Ortes gegründet worden – mit Anschluss an die Steinhuder Meer-Bahn. An dem Standort hat sich seitdem nichts geändert, das Städtchen ist aber drumherum gewachsen.

Der etwas trostlose Gewässerverlauf wie er aktuell aussieht

Nah dran: Das Werksgelände grenzt direkt an den Südbach – der nun verlegt werden soll. ade

Soweit möglich erwarben die Milchwerke angrenzende Flächen, doch vor besagten zehn Jahren stand fest, dass alle Möglichkeiten bis auf eine ausgeschöpft waren: der „Sprung“ des Werks über den Südbach, der im Norden an das Gelände angrenzt.

Bachverlegung wird selbst der EU vorgelegt

Der Südbach ist kaum mehr als ein Graben, der vom Steinhuder Meer kommt, Rehburg durchfließt und knapp hinter dem Ort in den Steinhuder Meerbach mündet. Dieses Gewässer hat es für frischli aber in sich. Eine Überbauung würde erhebliche Einschränkungen bedeuten. So entstand die Idee, das Gewässer zu verlegen. Ein Ansinnen, das sich jedoch keineswegs einfach gestaltete.

Nach vielen Abwägungen, Gutachten, Verhandlungen mit der Landesregierung und nicht immer konfrontationsfreien Gesprächen mit Anwohnern sind die Milchwerke Ende 2025 mit der Genehmigung eines Flächennutzungsplans vom Rehburg-Loccumer Rat einen großen Schritt weitergekommen. „Nun müssen die Pläne für den Bach der Landesregierung vorgelegt und auch von der EU genehmigt werden“, erläutert Winkelmann. „Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr noch grünes Licht bekommen. Das ist allerdings ein frommer Wunsch.“

Von 540 auf 700 Millionen Kilogramm Milch

2027, so hofft er, könne mit der Verlegung des Südbachs begonnen werden. Parallel starteten dann die konkreten Planungen für die Werkserweiterung. Baubeginn: frühestens 2028.

Eine visualisierte Grünfläche mit Baum auf dem Betriebsgelände der frischli Milchwerke

Aussicht: Eine visualisierte Darstellung des künftigen Gebäudekomplexes. Frischli-Milchwerke

Doch weshalb ist die Erweiterung nötig? „Wir wollen darauf vorbereitet sein, unsere Produktionsmenge erweitern zu können“, führt der Geschäftsführer aus. Aktuell kutschiert die Tankflotte des Unternehmens 540 Millionen Kilogramm Rohmilch jährlich auf das Werksgelände. Bis zu 700 Millionen Kilogramm sollen verarbeitet werden können, wenn die neuen Bauten stehen – die sowohl eine Erweiterung der Produktion als auch der Lagerkapazitäten beinhalten.

Systemgastronomie als Wachstumsbranche

Die Lkw, die den Hof vollbepackt verlassen, sind mit rund 500 unterschiedlichen Produkten gefüllt – von haltbarer Milch über Joghurt bis zu Sahneprodukten. In erster Linie produziert frischli in Rehburg für die Systemgastronomie – das sei im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen ein wachsender Markt, sagt Winkelmann.

„Wir erweitern unsere Märkte und gehen mehr in den Export. Frankreich ist ein Zielmarkt, den wir in den vergangenen Jahren gezielt aufgebaut haben. Es geht uns um organisches Wachstum, bei dem wir unserem Kerngeschäft Milch treu bleiben.“

Standorte dort wählen, wo die Milch ist

Wachstum bedinge im Milchgeschäft jedoch eines: Milcherzeuger vor Ort. „Der Ausgangspunkt aller Überlegungen ist immer: Wo ist die Milch?“ Die Tankfahrzeuge decken einen Umkreis von etwa 100 Kilometern ab, rund 400 Landwirte liefern ihre Milch nach Rehburg – und haben Erwartungen an ihren Abnehmer. Denn die einen können schließlich ohne die anderen nicht.

Das sei ihnen vollkommen bewusst, sagt Winkelmann, und deshalb versuchten sie auch, sich den Landwirten mit einem fairen und wettbewerbsfähigen Milchpreismodell attraktiv zu machen. Ferner hätten sie einen Milcherzeuger-Ausschuss installiert. In ihm würden rund 50 der Landwirte die Interessen aller vertreten und über wichtige Fragen wie etwa das Milchpreismodell verhandeln. Diese Form der Lieferantenorganisation und -mitsprache sei in Privatmolkereien eher ungewöhnlich und hebe frischli von anderen Unternehmen ab.

Im Werk gebe es zudem eine Landwirte-Abteilung mit Angestellten, die einen landwirtschaftlichen Hintergrund hätten und deren Aufgabe darin bestehe, auf Augenhöhe mit den Erzeugern zu reden. All das helfe, die Landwirte zu halten. „Der zentrale Punkt, da müssen wir uns bei aller guten Betreuung nichts vormachen“, sagt Winkelmann, „ist aber der Milchpreis.“ Der leider großen Schwankungen unterlegen sei.

Aktuell würden die Preise stark sinken, am Supermarkt-Regal sei das schon zu beobachten. „Wir kommen aus einer Phase von eineinhalb Jahren, in denen der Milchpreis recht hoch war, auskömmlich für gut aufgestellte Betriebe. Jetzt sind wir im Umbruch“, sagt er.

Fühlen die Kühe sich wohl, sinken die Preise

Ein Grund liege darin, dass die Milchmenge zum Vorjahr deutlich gestiegen sei. Der Sommer habe ideale Bedingungen geboten: nicht zu heiß und mit guter Futtergrundlage. Außerdem seien die Mindermengen, die es durch den Ausbruch der Blauzungenkrankheit Ende 2024 gegeben habe, überstanden.

Mengenplanung auf der Rohstoffseite, räumt Winkelmann ein, sei eine der großen Herausforderungen in der Milchindustrie. „Da wären wir gerne noch besser.“ In ihrem Willen zum Wachstum lassen sich die Milchwerke dadurch nicht bremsen. Mit schwierigen Zeiten kennen sich nicht nur die Landwirte aus.