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Long Covid

Long Covid: Hier stützen Betroffene sich gegenseitig

Long-Covid ist weitestgehend unerforscht - entsprechend schwierig ist vieles für Betroffene. Halt geben können sie sich in Selbsthilfegruppen, die allerdings rar sind. Auch wegen der tiefen Erschöpfung, die mit Long-Covid einhergeht. Eines der wenigen Angebote wird in Nienburg gemacht – und ist von einer Loccumerin ins Leben gerufen worden.

Verstanden werden: In der Selbsthilfegruppe tauschen die Betroffenen ihre Erfahrungen aus

Bild: Verstanden werden: In der Selbsthilfegruppe tauschen die Betroffenen ihre Erfahrungen aus. ade

Zermürbend. Dieses Stichwort fällt oft in dieser Runde von Frauen und Männern. Zermürbend sei die Suche nach Ärzten, von denen sie mit ihrer Long-Covid-Erkrankung ernst genommen werden. Zermürbend seien auch die Auseinandersetzungen mit Rentenkassen und Co. Hilfe und Verständnis geben sie sich gegenseitig in der Selbsthilfegruppe, in der sie einmal pro Monat in Nienburg zusammenkommen.

„Gehen Sie nur vor“, sagt Nadja am Fuß des Treppenhauses, „ich brauche länger.“ Das Ziel: Das zweite Stockwerk, wo die Gruppe einen Raum des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes nutzen kann.

Durch Covid mit 52 Jahren erwerbsunfähig

Bevor Nadja vor einigen Jahren an Covid erkrankte, hätte sie sich nicht träumen lassen, dass einige Stufen für sie eines Tages zur Herausforderung werden könnten. Damals kam sie mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus, später für sieben Wochen zur Reha. Geholfen habe das kaum, sagt sie. Jetzt ist die Heilpädagogin 52 Jahre alt und erwerbsunfähig.

Nadjas vorrangiges Problem momentan: der Kampf mit der Berufsgenossenschaft. „Die Rentenversicherung hat anerkannt, dass ich nicht mehr arbeiten kann. Die Berufsgenossenschaft sieht das noch nicht so“, sagt sie. Kämpfen, das sei das Grundthema in dieser Runde.

Selbsthilfegruppen sind Mangelware

Einige haben diese Kämpfe bereits gewonnen, andere bekommen Tipps und Zuspruch. Nur nicht nachgeben, lautet die Devise. Doch dass die Kraft an etlichen Tagen kaum zum Duschen, Zähneputzen und Anziehen reicht, wissen alle.

Vermutlich sei das auch der Grund, warum es so wenige Selbsthilfegruppen gibt, sagt Lisa, die in Bad Rehburg lebt. Wer unter www.long-covid-plattform.de im Umkreis von 50 Kilometern um Rehburg-Loccum sucht, wird genau zweimal fündig: einmal in Hannover, ein weiteres Mal in Nienburg.

Die Anzahl der nahen Selbsthilfegruppen, für die es zum Abzählen nicht einmal die Finger einer Hand brauche, ist für Lisa eine der Auswirkungen von Long Covid. „Das ergibt sich eben aus der Art unserer Erkrankung“, sagt sie mit leicht resigniertem Lächeln.

Eigeninitiative aus der Not heraus

Petras Mann Anton ergriff die Initiative für die Selbsthilfegruppe – weil ihre Kraft nicht ausreichte

Bild: Petras Mann Anton ergriff die Initiative für die Selbsthilfegruppe – weil ihre Kraft nicht ausreichte. ade

Dass es diese Selbsthilfegruppe überhaupt gibt, ist Petra und ihrem Mann Anton zu verdanken. Petra, Loccumerin, 62 Jahre alt, die sich vor sechs Jahren bei ihrer Arbeit im Krankenhaus mit Corona infizierte und an Long Covid erkrankte.

Auch sie hat zermürbende Zeiten hinter sich, berichtet von Schwierigkeiten mit Ärzten und Behörden – in einer körperlichen Verfassung, in der sie kaum in der Lage war, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Auf der Suche nach wie auch immer gearteter Hilfe hielt sie auch Ausschau nach einer Selbsthilfegruppe. Die Auskunft, die sie bekam: „So etwas gibt es noch nicht. Gründen Sie doch selbst eine.“

Ein Glück für Petra, dass sie ihren Mann zur Seite hatte. Er packte an, wozu ihre Kraft nicht ausreichte und gründete mit ihr gemeinsam die Gruppe – die nach einigen Anfangsschwierigkeiten für viele Erkrankte ein Ort ist, an dem sie sich verstanden fühlen.

Über der Erkrankung zerbrechen Beziehungen

Long Covid ist immer noch eine neue Erkrankung mit vielen Facetten und bislang wenigen Erkenntnissen. Wie oft sie auftritt? Das Robert Koch-Institut gibt auf seiner Homepage lange Erklärungen – die letztlich aber nur die Erkenntnis zusammenfassen, dass es keine verlässlichen Daten gibt.

Mittlerweile leitet Lisa die Gruppe und ist mit 37 Jahren die Jüngste am Tisch. Zu den Erschöpfungszuständen gesellen sich bei ihr zahlreiche weitere Erkrankungen. „Immer wieder ist mein Immunsystem komplett überfordert“, sagt sie. Wegen Long Covid sei ihr mittlerweile ein Grad der Behinderung von 70 Prozent attestiert worden. Ihr 19-jähriger Sohn ist ebenfalls betroffen. Die Beziehung zu ihrem Partner sei an der Erkrankung zerbrochen.

Nur sichtbar an besseren Tagen

Und dann gibt es diesen einen Satz, den sie alle häufig im Freundes- und Bekanntenkreis hören: „Du siehst doch gut aus.“ Nicht nur Lisa macht das wütend. „Ja, ich sehe gut aus, weil mich alle nur dann sehen, wenn es mir nicht so schlecht geht“, sagt sie. Die Zeiten, in denen sie zu nichts fähig seien, sehe doch niemand.

Das bestätigen Katja, Andreas und all die anderen. Katja, 56 Jahre, Krankenschwester – die von der Verzweiflung berichtet, in der Küche zu stehen und nicht mehr zu wissen, wie man einen Herd bedient. Andreas, 59 Jahre, der als Maurer immer zupackend war – und sich nun damit abfinden muss, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Opfer bringen für den Gruppenbesuch

Das Verständnis, das sie in der Gruppe bekommen, hilft ihnen allen. Weshalb manche weite Wege auf sich nehmen. Wohlwissend, dass die Erschöpfung sie am nächsten Tag vermutlich wieder packen wird.

Die Gruppe trifft sich jeweils am letzten Mittwoch des Monats, 16 Uhr, in Nienburg, Kräher Weg 2, und steht Betroffenen ebenso wie Angehörigen offen. Kontaktaufnahme ist auch per E-Mail unter selbsthilfe.nienburg@gmx.de möglich.

Mai 2026

Beate Ney-Janßen