Im Apfelhof von Loccums Denkhaus haben die Waldkinder seit zehn Jahren ihren Waldplatz.

Stadtgeschichte(n)

aus Rehburg-Loccum

25 Jahre Waldkindergarten Rehburg-Loccum

Längst raus aus der Schmuddelecke

25 Jahre Waldkindergarten Rehburg-Loccum

Mora, Melissa und Isabell sind die Feuerhüterinnen des Tages. Mit großem Ernst holen sie Holzscheite aus einem Verschlag und drapieren sie gekonnt in ihrer Feuerschale. Das ist alles, was sie tun dürfen? Weit gefehlt! Schon bekommen sie ein Feuerzeug angereicht, kurz darauf züngeln die Flammen. Ein verschmitztes Grinsen huscht über die Gesichter der Mädchen, weil die Besucherin staunt. Kindergartenkinder, die mit Feuer hantieren? Natürlich – das müssen sie doch können bei ihrem Leben im Wald, immer montags bis freitags, wenn sie den Waldkindergarten Rehburg-Loccum besuchen. Wie schon reichlich viele Kinder vor ihnen in 25 Jahren Waldkindergarten.

Im Apfelhof von Loccums Denkhaus haben die Waldkinder seit zehn Jahren ihren Waldplatz.

Im Apfelhof von Loccums Denkhaus haben die Waldkinder seit zehn Jahren ihren Waldplatz. 

Einer von rund 2000 Waldkindergärten Deutschlands hat seinen Platz in Rehburg-Loccum und das nun schon seit 25 Jahren. 1999 wollte ein Nienburger Bildungsträger es mal ausprobieren, solch ein Konzept in den Landkreis zu holen. Sechs Jahre zuvor war der erste Waldkindergarten Deutschlands in Flensburg gegründet worden. Für diese ganz andere Art der Kinderbetreuung erwärmten sich immer mehr Eltern und auch Kinder. Weshalb also nicht in Rehburg-Loccum?

Der Plan ging auf – wenn auch mit Anfangsschwierigkeiten und einem beinahe vorzeitigen Ende nach zwei Jahren. „Wir mussten den Waldkindergarten retten“, erinnert sich Michael Volger. Sein Sohn ging zu dieser Zeit jeden Vormittag fröhlich raus in die Natur, spielte bei Wind und Wetter in dem Waldstück mit Bauwagen in Rehburgs Feldmark, das ein Landwirt für die kleine Bande zur Verfügung gestellt hatte. Im städtischen Kindergarten, den Familie Volger zuerst ausprobiert hatte, wollte der Kleine partout nicht sein. Fürs Glück des Kindes probierten seine Eltern aus, was vollkommen neu und anders war.

Auch ein Waldkindergarten muss sich allerdings mit den staatlichen Anforderungen an die Kinderbetreuung auseinandersetzen, muss sich prüfen und genehmigen lassen. Ein Knackpunkt, der dem Bildungsträger allem Anschein nach als nicht gar so wichtig erschienen war, so dass die Freiheit im Wald nach zwei Jahren vor dem Aus stand.

Das aber wollten die Eltern nicht, stimmten sich ab und beschlossen, ihren Waldkindergarten selbst in die Hand zu nehmen und einen Verein zu gründen.

Vereinsgründung: Ein gewagter Plan

Ein gewagter Plan, denn nun mussten die Vereinsmitglieder dafür geradestehen, Erzieherinnen zu finanzieren, sich um Konzepte kümmern, mit Behörden auseinandersetzen, für „Kindernachschub“ zu sorgen und sich verpflichten, nicht nur Kindergartenbeiträge zu zahlen, sondern auch selbst anzupacken. Kein Wasser, kein Strom, keine Heizung: Eltern lernten, dass sie nicht nur ihre Kinder abliefern, sondern auch Wasser in großen Kanistern mitbringen mussten. Dass das Holz für die Lagerfeuer geschlagen, gespalten und gestapelt werden muss und gelegentlich eine Toilettenreinigung auf dem Plan stand.

Idylle auf dem Waldsofa: 2006 war der Waldkindergarten noch auf dem Platz in Rehburgs Feldmark.

Idylle auf dem Waldsofa: 2006 war der Waldkindergarten noch auf dem Platz in Rehburgs Feldmark.

Doch der Enthusiasmus war groß, allen Widrigkeiten wollten sie trotzen. Der Lohn, davon berichten viele Eltern aus den Anfangs- und allen folgenden Jahren, waren zufriedene Kinder, die mit erstaunlichem Wissen über die Natur aufwuchsen, die kaum jemals mit Infekten kämpfen mussten – und bei denen sie sich darauf verlassen konnten, dass sie zur Mittagszeit so dreckig waren, dass Mülltüten als Unterlage auf dem Autositz zum gängigen Equipment wurden. Saubere Kinder hatten andere, die Waldkinder tobten in der Schmuddelecke.

Genau das lockt aber auch immer wieder Eltern und Kinder an. Kaum jemals ist ein Platz frei zu vergeben, oft führt der jeweilige Vorstand eine Warteliste für einen der 15 Waldplätze. Kämpfe focht er an anderen Stellen aus – wie etwa den um städtische Zuschüsse zum Betrieb.

Feuerhüterin Isabell trägt nahezu andächtig Holz zur Feuerschale.

Feuerhüterin Marlitt trägt nahezu andächtig Holz zur Feuerschale.

 

Solche Zuschüsse wollten auch die Waldeltern gerne haben. Ihr Beitrag für die Betreuung lag um einiges höher als das, was für die städtischen Kindergärten im Durchschnitt gezahlt werden musste. Ungerecht, fanden sie, insbesondere auch für Familien mit eher weniger Geld, die ihre Kinder in den Wald geben wollten – und stellten Anträge, die allerdings etliche Male vom Stadtrat abschlägig beschieden wurden.

Doch ein wenig zu sehr Schmuddelecke? Eher nicht, die Ratsleute argumentierten, dass sie in ihren Kindergärten ausreichend Plätze zur Verfügung stellten. Weshalb also aus dem Stadtsäckel ein Konkurrenz-Angebot finanzieren?

Waldkindergarten als Konkurrenz?

Doch die Waldeltern blieben hartnäckig. 2006 kam die Diskussion endlich in Fahrt und das mit der Erkenntnis in Rat und Verwaltung, dass die Rechtsprechung eindeutig ist: Private Träger sind kommunalen zu bevorzugen. An einer finanziellen Unterstützung kam die Stadt nicht mehr vorbei. Bis zur Klärung der Details, wie diese Unterstützung denn aussehen könne, ging noch ein halbes Jahr ins Land.

Es zeigte sich, dass die „Konkurrenz“ des Waldkindergartens keineswegs zu der befürchteten Schließung irgendeiner Kindergartengruppe führen musste. Ganz im Gegenteil: Jahre später war die Stadt froh über diese Betreuungsplätze – die Zeiten änderten sich spätestens, als 2016 auch nach Rehburg-Loccum zahlreiche Geflüchtete kamen und Kita-Plätze zur echten Mangelware wurden.

Doch da hatte der Waldkindergarten bereits die nächste Beinahe-Katastrophe hinter sich: Der Landwirt, der ihnen in Rehburgs Feldmark so bereitwillig sein Wäldchen nahe der Köhlerhütte zur Verfügung gestellt hatte, wollte 2013 den Pachtvertrag nicht verlängern. Das traf den Vorstand vollkommen unvorbereitet. Die Frist, die sie zur Räumung des Waldes und für die Suche eines neuen Standortes hatten: Acht Wochen.

 

2013 kam der Hilferuf: Der damalige Vorsitzende Andreas Schnackenberg suchte auch auf Loccums Gewerbeschau nach einem neuen Waldplatz.

2013 kam der Hilferuf: Der damalige Vorsitzende Andreas Schnackenberg suchte auch auf Loccums Gewerbeschau nach einem neuen Waldplatz.

 

Der Hilferuf war laut und ging in alle Richtungen: Wer mochte im Stadtgebiet Rehburg-Loccums den Waldkindergarten aufnehmen? 15 Kinder suchten ein neues naturnahes Zuhause.

Dass der Bauwagen tatsächlich innerhalb dieser Frist vor einen Trecker gespannt und auf einen neuen Platz kommen konnte, erscheint manchem noch heute nahezu als ein Wunder. Die Heimvolkshochschule Loccum meldete sich: Ihr Apfelgarten im Hinterhof könne geeignet sein, den würde sie zur Verfügung stellen.

Heimvolkshochschule wird zum Retter

Damit eröffneten sich traumhafte Aussichten: Der sonnige Platz hinter der Bildungseinrichtung war ideal und ein Wald grenzte direkt an. Die Nutzung dieser baumbestandenen Fläche genehmigten auch die Forstgenossenschaften und die Stadt Rehburg-Loccum als Eigentümer äußerst schnell und unkompliziert. Bei der Stadt hatten ohnehin sämtliche Alarmglocken geschrillt: Ohne Waldkindergarten hätte sie plötzlich für weitere 15 Betreuungsplätze sorgen müssen.

Raus bei jedem Wetter: Auch im Schnee sind es schöne Tage im Waldkindergarten – mit der allgemeinen Aussage, dass allen kaum jemals kalt wird.

Raus bei jedem Wetter: Auch im Schnee sind es schöne Tage im Waldkindergarten – mit der allgemeinen Aussage, dass allen kaum jemals kalt wird.

Die Katastrophe war abgewendet, stattdessen gab es sogar noch ein I-Tüpfelchen obendrauf: An- und Abfahrt der Kinder musste ab sofort nicht mehr auf teilweise abenteuerlichen Wirtschaftswegen stattfinden.

So kam der Waldkindergarten nach Loccum und dort spielen, lernen, toben und klettern Drei- bis Sechsjährige heute noch.

Wer wissen will, wie der Platz aussieht und wie Waldkinder ihre Tage verbringen, besucht den Waldkindergarten zur Feier seines 25-jährigen Bestehens. Willkommen sind Ehemalige, Zukünftige und Neugierige – die alle damit rechnen müssen, nicht komplett sauber wieder nach Hause zu kommen:

Mai 2024

Beate Ney-Janßen