Rehburgs Wahrzeichen ist zurück: Spielwerk dreht sich im Uhrturm nach Restaurierung
Das Reh ist wieder da! Und mit ihm alle Figuren des Schauspiels in Rehburgs Uhrturm. Zu jeder vollen Stunde drehen sie sich nun erneut, untermalt von einem kleinen Klangspiel. Das ist in Rehburg seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen worden.

Manche Bürger:innen hatten besorgt nachgefragt: Ist das Reh gestohlen worden? Aus dem Fensterchen des Turms an der Ecke Weidendamm zur Jägerstraße war es vor Monaten plötzlich verschwunden. Statt des Wahrzeichens gähnte nur noch ein schwarzes Loch.
Damals schon hatte unser Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste, Bauen und Ordnung, Björn Polacek, beruhigend auf alle eingewirkt: Nichts sei gestohlen. Ganz im Gegenteil: Die Uhr samt Schauspiel sollte repariert werden.
Landschaftsverband sichert Restaurierung
Weshalb es so lange gedauert hat? Das lag zum einen daran, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die sich mit solchen Restaurierungen auskennen. Zum anderen sind Spezialaufträge selten für einen Apfel und ein Ei zu bekommen. Weshalb die Stadt sich um Fördergeld bemühte.
Eine Zusage gab es schließlich vom Landschaftsverband Weser-Hunte: 50 Prozent der Kosten übernimmt er. Sobald das feststand, ging der Auftrag an das Unternehmen Korfhage & Söhne in Melle.
Und nun: Zeigt die Uhr die Stunde an, lässt ein zartes Geläut ertönen und drehen sich die Figuren im Kreis.

Doch was hat es mit diesem Uhrturm auf sich? Wer das wissen will, muss sich in die Jahre zurückversetzen lassen, als die Baumeister Wilhelm und Ernst Meßwarb das Stadtbild Rehburgs prägten.
Ernst Meßwarb ersann vor rund 80 Jahren den Turmbau. Da er gleichzeitig Bürgermeister Rehburgs war, fiel es ihm nicht allzu schwer, die Ratsherren von seiner Idee zu überzeugen. Für den Uhrturm bat er sie mit 1.900 Reichsmark zur Kasse. Sein Ziel: Rehburg eine erste öffentliche Uhr zu verpassen. Ob er sich auf den Stundenschlag vom Kirchturm nicht verlassen wollte?
Ein zweiter Grund lag sicherlich auch in seinem Faible für Geschichte. Weswegen der Turm dort entstand, wo von 1631 bis 1820 die in Rehburg stationierte Garnison exerzierte. „Wachtplatz“ wurde das Fleckchen genannt und lag damals kurz vor dem Ortseingang.

Nun gehört es zum typischen Stil Ernst Meßwarbs, wie auch seines Vaters Wilhelm, ihre Bauten mit allerhand verspielten Elementen auszustatten. Zahlreiche Gebäude von der alten Schule über den Schlauchturm bis zu ihren Wohnhäusern zeugen davon und gehören zu den prägenden Elementen Rehburgs.
Das durfte auch bei dem Turm nicht anders sein. Kein dröhnender Glockenschlag sollte die Zeit ansagen. Stattdessen ersann Meßwarb ein kleines Schauspiel, das er mit einer Melodie unterlegte.
Zu jeder vollen Stunde gerieten ein springendes Reh ins Bild, verfolgt von einem Jägersmann samt Hund. Denen wiederum folgten ein Bauer und eine Bäuerin.
Gesellschaft defiliert zur vollen Stunde
Mit den Figuren wechselte auch die Landschaft: Auf einer Trommel im Hintergrund sind eine Wald-Landschaft und ein Bauernhaus aufgemalt. Zur Krönung des Ganzen ertönte das Klangspiel, bestehend aus acht Tönen.
Das gibt es nun erneut und in dieser Fülle ist es nur noch wenigen Menschen bekannt, denn das Drehen der Trommel und das Defilieren der ländlichen Gesellschaft funktionieren schon seit vielen Jahren nicht mehr.
So hatten sich mittlerweile viele daran gewöhnt, dass hinter den Flügeltüren lediglich das springende Reh zu sehen war. Zu schade, meinten manche aus Rat und Verwaltung und wollten den Rehburg-Loccumer:innen dieses Stück Geschichte zurückgeben. Ein Anziehungspunkt für Tourist:innen, meinten sie, könne es ebenfalls sein. Und müsse nicht ein denkmalgeschütztes Gebäude ohnehin ordentlich instandgehalten werden?

Die Spezialist:innen für solche Arbeiten suchten und fanden Mitarbeitende der Verwaltung in dem Unternehmen Korfhage & Söhne. Deren Profession besteht seit mehr als sechs Generationen in Glockenspielbau und Glockenläuteanlagen – von der Herstellung neuer Turmuhranlagen über die Restaurierung historischer Schätze bis zum Einbau – oftmals in schwindelnder Höhe.
Korfhage & Söhne reisten nach Rehburg, um sich den Patienten im Turm anzusehen, retteten Figuren, Trommel und Klangspiel vor weiteren Unbilden und nahmen sie mit in ihre Werkstatt – wo sie die Monate bis zur Förderzusage geduldig auf die Erteilung des Auftrags warteten. Während einige Rehburger:innen fürchteten, ihr Reh sei gestohlen worden.
Wenige Monate später war die Arbeit vollbracht und der Einbau konnte beginnen.
„Ich zeige Ihnen mal was wirklich Schönes“, sagt Ansgar Stolzenburg zur Begrüßung und öffnet die Klappe zum Uhrwerk, wo sich zahlreiche Rädchen drehen. In dem engen kleinen Turm hockte unterdessen Henrik Metz auf dem Podest für das Spielwerk, um alles für den Einbau vorzubereiten.

Neben dem Turm hatten sie unterdessen alles ausgebreitet, was wieder eingebaut werden sollte: Die Trommel mit der Landschaft, deren Farben sie aufgefrischt haben. Die Figuren, die ebenfalls wieder bunt leuchten – bis hin zu den Feldblumen, die die Bäuerin in der Hand hält.
Wenige Stunden später war die Arbeit vollbracht – das Reh ist wieder da, die Uhr zeigt die Zeit an und zur vollen Stunde können alle Figuren bewundert werden. Ein Schauspiel, das Rehburg in diesem Jahrtausend noch nicht erlebt hat.
