Eine Collage aus Portraits engagierter Bürger

Stadtgeschichte(n)

aus Rehburg-Locccum

Evangelische Akademie Loccum

70 Jahre Evangelische Akademie Loccum – eine Erfolgsgeschichte

Helmut Schmidt und Rudi Dutschke, Angela Merkel und Christian Wulff – sie alle sind irgendwann einmal zur Tür der Evangelischen Akademie Loccum hereingekommen, um sich an dem Diskurs zu beteiligen, der dort seit 70 Jahren gepflegt wird. Auch wenn der Campus der Akademie bescheiden anmutet in seiner Lage direkt gegenüber der imposanten Loccumer Klosterkirche, spielt sie doch seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle, wenn es um gesellschaftspolitische Themen in Niedersachsen, Deutschland und der Welt geht. 

Helmut Schmidt wird in der Akademie begrüßt

Bild 1: Einer von vielen Gästen aus der Politik in der Akademie: 2001 wird Helmut Schmidt herzlich begrüßt.

50 Jahre Akademie in Loccum – das ist 2002 groß gefeiert worden. Mit einem Fest für die Bewohner der Stadt, in die die Bildungseinrichtung 1952 aus Hermannsburg gezogen ist, mit politischen Schwergewichten wie der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und Sigmar Gabriel, der zu jener Zeit dem Land Niedersachsen vorstand, und selbstverständlich auch mit einer Tagung, deren Titel viel von dem zusammenfasst, was als Sinn und Zweck der Akademie angesehen wird: Verständigung durch Verstehen.

Ein Fest zum 75. Bestehen der Akademie hat es nicht gegeben. Alle Versuche, solch ein Ereignis in Corona-Zeiten vorzubereiten, schlugen fehl. Nun bereiteten sie sich bereits auf den 80. Geburtstag vor, sagt Akademiedirektorin Verena Grüter. In der Zwischenzeit steht für sie aber außer Frage, dass der Diskurs weiterhin gepflegt wird wie eh und je. Und das beileibe nicht nur mit politischen Schwergewichten.

 

Strukturen nach der NS-Zeit schaffen

Fritz Erich Anhelm  ehemaliger Leiter der Akademie

Doch wie kam es überhaupt zur Gründung dieser Akademie? Das sei aus nicht mehr und nicht weniger als der Frage erwachsen, ob der Neuaufbau der Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg von den Kirchen begleitet werden müsse, sagt der ehemalige Akademiedirektor Fritz Erich Anhelm. 1946 habe sich diese Frage gestellt und für Hanns Lilje, seinerzeit Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, habe festgestanden, dass genau das notwendig sei. „Die Akademien sollten nicht nur, sie waren eine Antwort auf die fürchterliche Zeit des Nationalsozialismus“, sagt Anhelm.

Bild 2: Fritz Erich Anhelm hat die Evangelische Akademie Loccum bis 2009 geleitet – und ist dabei immer streitbar gewesen.

Die Absicht, den Bruch mit den geistigen Mustern der Nationalsozialisten zu vollziehen, fand auch bei den Besatzern Anklang: 250.000 Mark des Startkapitals zum Akademie-Aufbau kamen von der Regierung der USA.

Erster Standort war Hermannsburg, ein leerstehendes Hotel wurde gemietet und der Tagungsbetrieb startete durch. „Von Anfang an eine Erfolgsgeschichte“, berichtet Anhelm. Eine, die nach kurzer Zeit dazu führte, dass die räumlichen Kapazitäten in dem Hotel nicht mehr ausreichten.

In die Frage nach Erweiterung oder Neubau an anderem Ort mischte sich wiederum Lilje ein. Hermannsburg, meinte der Bischof, sei traditionell missionarisch geprägt und das war nicht im Sinne dessen, was ihm als Signal der Akademie vorschwebte: Einen Ort anbieten, der Begegnungen ermöglicht, an dem die Kirche Gastgeber ist und vermittelnd eintritt.

Blick von der Evangelischen Akademie Loccum auf die Klosterkirche

Bild 3: Der Blick von der Evangelischen Akademie Loccum auf die Klosterkirche.

Lilje hatte einen anderen Ort im Blick: Loccum. Nicht zuletzt wegen seines 1163 gegründeten Klosters, das mittlerweile evangelisch war und in dem Vikare der Landeskirche ausgebildet wurden. Aus der Kombination des monastischen Klosters mit der Akademie lasse sich etwas Gutes machen, meinte der Bischof.

1952 zog die Akademie ein und Lilje behielt Recht. Das Gegenüber des geistlich geprägten Klosters mit all seinen Traditionen zu der neuen Tagungsstätte, die sich mit dem Hier und Jetzt auseinandersetzen wollte, begann schnell Früchte zu tragen.

 

Demütiger und christlicher Entwurf

Weise, meint Anhelm, sei auch die Gebäudestruktur der Akademie ausgewählt worden: Niedrige Gebäude, die sich in die sanfte Hügellandschaft schmiegen, so dass keine Konkurrenz zum Kloster entsteht. Als demütigen und christlichen Entwurf bezeichnete Lilje die Anlage, die mit 80 Betten eröffnet wurde. Heute finden rund 200 Tagungsgäste gleichzeitig Platz.

An Demut mangelt es dem Gebäudekomplex nach wie vor nicht, wer auf der Galerie oder im Speisesaal sitzt, hat einen nahezu unverstellten Blick auf die Klosterkirche, wiederkäuende Rinder auf der Wiese dazwischen inklusive. Mancher behauptet, das trage dazu bei, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Das Kloster. Wie auch die ländliche Idylle ringsum.

Die Seminarräume der Akademie von außen betrachtet

Bild 4: Demütig und christlich – so sollte die Gebäudestruktur der Akademie aufgebaut werden.

Vom „Loccumer Geist“ ist dann oft die Rede. Den, sagt Direktorin Grüter, habe sie auch bei ihren ersten Begegnungen mit der Akademie gespürt. Schon als Referentin und als Teilnehmerin, bevor sie 2021 die Leitung übernahm. „Die Verknüpfung von Geistlichem, Kulturellem und Intellektuellem auf einer Ebene, die Menschen in ihrer Alltagsgestaltung, ihrer Lebensgestaltung, persönlich und professionell beschäftigt - das ist der Spirit von Loccum“, schwärmt sie. Der gehe quer durch die Gesellschaft, denn neben den Größen aus Politik und Kirche würden schließlich alle, von Kindern über Jugendliche bis zu Erwachsenen, angesprochen, sich an dem Diskurs zu beteiligen, an den eigenen drängenden Fragen zu arbeiten.

 

Ein Stein aus Auschwitz auf dem Altar

Die drängenden Fragen, sie hätten im Lauf der Jahre immer wieder neue Schwerpunkte gehabt, berichtet Anhelm. Den Anfang mit dem Versuch der Überwindung des NS-Regimes können Gäste der Akademie immer dann noch erahnen, wenn sie zu einer der Andachten in die keine Kapelle gehen. Auf dem schlichten Altar steht, eingefasst in bronzenen Sockel, ein schlichter Ziegel. Wer nach seiner Bedeutung fragt, bekommt erzählt, dass es ein Stein aus Auschwitz ist, den Direktor Hans May aus Polen mitbrachte. Eine Mahnung, die immer präsent ist.

Auf dem Altar in der Kapelle der Akademie steht ein Stein aus dem Konzentrationslager

Bild 5: Auschwitz ist immer gegenwärtig: Auf dem Altar in der Kapelle der Akademie steht ein Stein aus dem Konzentrationslager.


„Es ging um Chaos-Vermeidung nach dem Krieg“, beschreibt Anhelm den Ansatz. Wiederaufbau, Entnazifizierung, Vertriebene, das transatlantische Bündnis und auch die Wiedervereinigung seien Schwerpunkte gewesen Den Westmächten, sagt Anhelm, sei das letztere nicht allzu lieb gewesen.

Lange bevor Willy Brandt „Mehr Demokratie wagen!“ forderte, hätten die Akademien bereits damit begonnen. Ab Mitte der 1960er Jahre, als mehr und mehr die Autoritäten in Frage gestellt worden seien. Damals begann die Akademie auch, in anderen Bereichen mitzumischen. An Bildungs-, Justiz- und Psychiatriereform habe Loccum einen entscheidenden Anteil gehabt, außerdem internationale Tagungen organisiert. „Auch solche, bei denen Amis und Russen an einem Tisch saßen“, erzählt Anhelm.

 


Mediation zur Sonderabfalldeponie

Später kamen Klimatagungen hinzu, solche zum Atom- und Kohleausstieg und eines speziellen Rehburg-Loccumer Problems nahm sich die Akademie ebenfalls an: Des Mediationsverfahrens um die Sonderabfalldeponie Münchehagen, das zu einem beispielgebenden Umgang mit solchen Deponien führte. Studienleiter Meinfried Striegnitz, der seinerzeit die Mediation leitete und mit Sachverstand auch die technischen Fragen begleitete, steht noch heute dem Bewertungsgremium vor, das die Deponie kritisch im Blick behält.

Demonstranten vor der Sonderabfalldeponie Münchehagen

Bild 6: Eine der Baustellen, denen sich die Akademie angenommen hat: Mediation im Streit um die Sonderabfalldeponie Münchehagen. privat


Die Wiedervereinigung kam und die Akademie reagierte. Interreligiöse und interkulturelle Dialoge wurden eines der zentralen Themen. Und das, sagt Anhelm, schon lange bevor die Flugzeuge ins World Trade Center flogen. Aktion und Reaktion – und das in allen relevanten Bereichen.

 

Corona führt auch technisch ins 21. Jahrhundert

Die vorletzte Herausforderung war die Pandemie. Der Akademie hat Corona den technischen Weg ins 21. Jahrhundert eröffnet. Seitdem steht der Glasfaseranschluss, können Tagungen bei Bedarf auch hybrid angeboten werden.

Aktuell werde die Frage nach der Sicherheit sehr stark bespielt, führt Grüter aus. Und auch jene danach, welche Standpunkte die evangelische Kirche sich in ihrer Friedensethik erarbeiten müsse. Welches Vorgehen ist angemessen angesichts des Ukraine-Krieges? Sollten Waffen und Munition geliefert werden? Intensive Gespräche würden zu diesen Fragen geführt, allerdings derzeit oft außerhalb des öffentlichen Diskurses. Mit jenen, die die Weichen stellen.

Einmischen, Anstöße geben, Menschen unterschiedlicher Positionen an einen Tisch bringen – das sei auch nach 70 Jahren Loccum das Ziel der Evangelischen Akademie.

Januar 2023

Text und Fotos: ade


An den Tagungen der Evangelischen Akademie Loccum können sich alle beteiligen, die Interesse haben. Ein besonderes Angebot macht die Akademie zudem den Menschen, die in Rehburg-Loccum leben: Sie dürfen kostenfrei an allen Tagungen teilnehmen. Lediglich für Bewirtung und Betten werden auch sie zur Kasse gebeten.

Evangelische Akademie Loccum
Münchehäger Straße 6
31547 Rehburg-Loccum
Tel.: (05766) 81-0
E-Mail: eal@evlka.de
www.loccum.de