Eine Collage aus Portraits engagierter Bürger

Stadtgeschichte(n)

aus Rehburg-Locccum

Rehburger Grusel

Rehburger Grusel

Werwölfe auf den Wegen, ein Irrlicht im Moor, der brennende Mann am Immenstock, Burgverliese und Höhlen, zornige Riesen und rachelüsterne Zwerge, solche, die ihren Kopf unterm Arm tragen, und ätherische Frauengestalten, die aus dem Jenseits Aufträge erteilen. Wer sich jetzt im Vorspann eines überfrachteten Gruselromans der C-Klasse wähnt, hat weit gefehlt. All das soll es in Rehburg gegeben haben. Zumindest dann, wenn wir alten Überlieferungen glauben.

Rehburger Schulfoto aus dem Jahr 1943

 

Bild 1: Ein Rehburger Schulfoto aus dem Jahr 1943. Vorne links sitzt Lehrer Wilhelm Bell. Einige dieser Schüler haben womöglich Beiträge zu seiner Geschichten-Sammlung geleistet.

Oft sind es die Lehrer im Dorf gewesen, die sich um die Bewahrung der Geschichte gesorgt haben. Damals wie heute sind sie gehalten, das, was in ihre Amtszeit fällt, chronikartig festzuhalten und nicht immer beschränkten sie sich dabei auf die Vorkommnisse im Schulgeschehen.

Einen solchen Enthusiasten gab es auch in Rehburg: Lehrer Wilhelm Bell, der seinen Schülern in den 1930er Jahren nicht nur das 1 x 1 einbläuen und ihnen die Hammelbeine langziehen wollte, sondern ihnen auch eine Aufgabe stellte, die heute ein kleiner und bislang wenig beachteter Schatz im Städtchen ist. „Fragt Eltern und Großeltern nach Überlieferungen und Sagen aus unserer Stadt, hört euch bei den Nachbarn um und bringt mir die Geschichten!“, forderte er die mehr oder weniger wissbegierigen jungen Rehburger auf.

Den Schülern muss das ein gewisses Vergnügen bereitet haben. Ob es damit zusammenhängt, dass ihnen statt trockener Jahreszahlen und vergangener Ernsthaftigkeiten wahre Schauerromane berichtet wurden? Denn genauso liest sich Bells Sagen-Sammlung: Eine Vielzahl Geschichten, die dazu angetan sind, die Haare zu Berge stehen zu lassen oder zumindest für einen wohligen Schauer zu sorgen. Ob es Schüler gab, die danach des Abends lieber am warmen Ofen sitzen blieben, statt sich für heimliche Treffen und nächtliche Streiche aus dem Haus zu schleichen? Wer reichlich mit Fantasie gesegnet ist, wird es sich auch heute nach der Lektüre dieser Geschichten genau überlegen, ob ein Spaziergang in Moor oder Meerbruchswiesen tatsächlich ratsam ist. Zumal manchmal sogar ein Funken Wahrheit in den Geschichten steckt. Wie in jener von dem Mann, der seinen Kopf unter dem Arm trägt.

 

Der kopflose Mann

Sie waren böse Buben, diese sieben Rehburger Handwerker, die eines Nachts im Jahr 1713 über zu viel Bier zu der Überzeugung gelangten, dass der Pastor reichlich Geld im Haus haben müsse. Geld, das ihnen doch viel besser zu Gesicht stehen würde. Mit Wut im Bauch wegen der vermeintlich ungerechten Verteilung fackelten sie nicht lange und stiegen in das Pfarrhaus ein. Dass ihnen Pastor Meyer und seine Haushälterin bei ihrem Treiben in die Quere kommen könnten, hatten sie nicht bedacht.

Genau so war es aber. Kamen die Handwerksleute angesichts der beiden alten Leute, die schlaftrunken in ihren Nachthemden die Ursache des Lärms erkunden wollten, zur Besinnung? Ganz und gar nicht. Statt ihr Unrecht einzusehen, trachteten sie danach, es zu vertuschen und erschlugen die beiden.

Die Rehburger Obrigkeit kam ihnen allerdings schnell auf die Schliche und der damaligen Auffassung von Gerechtigkeit genüge getan: Den sieben Handwerkern wurde der Prozess gemacht und eine Strafe auferlegt, die drastischer kaum sein konnte. In der Rehburger Gemarkung, irgendwo zwischen Rehburg und Loccum, sollten sie gepfählt, gerädert und geköpft werden.

Etliche aus dem Bunde gestanden die Tat. Wohl wissend, dass sie ohnehin nicht davonkommen würden, aber mit der Hoffnung auf göttliche Vergebung, wenn sie nur zu ihrer Schuld stehen. Ein bis zwei von ihnen – darin sind sich die Quellen nicht einig – sollen allerdings bis zum Schluss geleugnet haben. Die Rede ist vom Kellerwirt Hans-Heinrich Voigt und vom Braumeister Philip Most.

 Kellerwirt Hans-Heinrich Voigt und vom Braumeister Philip Most

 

Bild 2: Mordbuben – oder nicht? – Kellerwirt und Braumeister sollen bis zum Schluss ihre Tat geleugnet haben.

 

Hatten sie womöglich doch nichts damit zu tun und haben die übrigen Mordbuben lediglich mit Bier abgefüllt?

Ein winziger Zweifel muss sich in den Rehburgern, die doch zahlreich zur Hinrichtung eilten, weil sie sich das blutige Spektakel nicht entgehen lassen wollten, geregt haben.

Wie sonst ist es zu erklären, dass Lehrer Bells Schüler ihm die Geschichten von dem kopflosen Mann zutrugen, der diesem und jenem Bauern auf dem Flurstück begegnet sei soll, das lange Zeit die Bezeichnung „Auf dem Gerichte“ behalten sollte? Gelegentlich soll der Kopflose zudem am Pfarrhaus gesichtet worden sein.

Die Sage geht, dass den Richtern Zweifel gekommen seien, dass ein Schimmelreiter eilends zur Hinrichtungsstätte geschickt wurde, um einem der sieben Delinquenten Gnade zu gewähren. Aller gestreckter Galopp soll aber vergebens gewesen sein – als der Bote anlangte, war der Verurteilte bereits tot.

Unglaublich? – Der Kopflose, der durch Rehburg spukt (und nun schon viele Jahre nicht mehr gesichtet wurde), vermutlich schon. Der gewalttätige Tod des beliebten Pastors gehört aber keinesfalls in das Reich der Sagen.

Wer tiefer in die Kirchenbücher der Rehburger Gemeinde eintaucht, stellt fest, dass Pastor Meyer nicht der einzige Geistliche war, dem kein friedliches Ende im eigenen Bett beschieden wurde.

Wie war das mit Pastor Beer, der von 1899 bis 1915 Rehburgs Kirchengemeinde vorstand? Er reiste eines Tages von Rehburg nach Hannover. Dass er dort am Bahnhof ankam, ist bestätigt. Danach verliert sich jede Spur von ihm. Heutzutage wäre Beers Verschwinden ein Fall für „Aktenzeichen XY“. So aber bleibt es wohl für alle Zeiten ein ungelöstes Rätsel.

Sagenhaft ist Beers Verschwinden nicht verarbeitet worden. Weder kopflos noch durchscheinend hat ihn jemals jemand durch Rehburg geistern sehen. Das gilt jedoch nicht für Pastor Walther. Dieser Kirchenmann – obwohl in der Stadt höchst unbeliebt – hat sich in Rehburg mit seinem Tod unsterblich gemacht.

 

Das Irrlicht im Moor

Am 18. Februar 1863 hatte Walther den Fußweg gen Schneeren angetreten, um einen Kollegen zu besuchen. Abends gegen 9 Uhr – nach angeregtem Gespräch beim Wein? – verabschiedete er sich, um nach Hause zu gehen, kam an Mardorf vorbei und wollte dann wohl den Marsch durchs Moor abkürzen.

„In der Dunkelheit ist er vom rechten Weg abgekommen und hat höchstwahrscheinlich mehrere Stunden über sumpfige Wiesen und Moorflächen unter unsäglicher Anstrengung wandern müssen. Die übergroße Anstrengung und Ermüdung hat nach Aussage des Arztes den Tod durch Schlagfluss herbeigeführt.“

Richtungswegweiser in Rehburg


Bild 3: Der Weg durch die Meerbruchswiesen an einem Wintertag in der Dämmerung hat noch heute etwas Unheimliches – das „Irrlicht“ ist allerdings in das Foto montiert.  

So steht es in den Kirchenbüchern. Tags darauf wurde der Pastor im Moor gefunden und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Rehburgs beigesetzt. Es geht die Erzählung, dass die Rehburger ihrem Pastor zudem ein Denkmal an der moorigen Stelle der Meerbruchswiesen, nur 15 Gehminuten von Rehburg entfernt, aufstellten, an der sein Leichnam gefunden wurde: „Pastorenpfahl“ nannten sie den Stecken, mit dem sie ihm gedenken wollten.

Der Pastorenpfahl ist lange fort. Das Ende Walthers war aber angetan, die Geschichte weiterzuspinnen und davon bekamen Bells Schüler so manche Variante zu hören:

Einige Rehburger schworen Stein und Bein, dass ihnen am Pastorenpfahl ein Irrlicht begegnet sei, das flackernd vom Pfahl über das Moor bis zum Friedhof schwebte. Andere wollen den Pastor als Geist gesehen haben. Ein Schüler behauptete gar steif und fest, seinem Urgroßvater sei ein halbes Jahr vor Walthers Tod, als er auf dem Weg zum Markt in Neustadt war, ein Irrlicht im Moor begegnet. Ängstliche Stimmen will der Urgroßvater zudem gehört haben.

„Dat Vörlat“ – auf hochdeutsch in etwa „Vorhersage“ – nannten die Menschen im Dorf das, was des Schülers Vorfahr ein ums andere Mal über seine Begegnung zum Besten gab. Dem Pastor hat diese Vorhersage nicht geholfen – vielleicht aber jenen, die angesichts solcher Gruselerzählungen das nächtliche Moor lieber mieden.

Gehen die Legenden um den kopflosen Mann und das Irrlicht auf verbriefte Ereignisse zurück, so sind weitere Überlieferungen eher der Suche nach Erklärungen für Unerklärliches geschuldet. Wie etwa die Erzählungen von der Entstehung des Steinhuder Meeres – von denen es weitaus mehr als nur eine Version gibt. In Rehburg waren die Städter davon überzeugt, dass das Steinhuder Meer von Riesen und Zwergen geschaffen wurde, die sich vor vielen tausend Jahren auf Winzlars Haarberg und der ehemaligen Festung Düsselburg bei Rehburg herumtrieben.

 

Von Riesen, Zwergen und dem Steinhuder Meer

Es geht die Sage, dass zwei Riesen sich ihre Wohnsitze in der Gegend bei Rehburg ausgesucht hatten. Einer von ihnen hatte sich auf dem Haarberg niedergelassen, der andere auf der Wallanlage der Düsselburg.

Nun sind Riesen nicht unbedingt für ihre Geselligkeit und die Pflege sozialer Kontakte bekannt. Diese beiden waren jedoch Brüder. Was dazu führte, dass sie zwar gerne Abstand zueinander hielten, sich gelegentlich aber halfen und manche Dinge auch miteinander teilten. Wie ihre Axt. Ein im wahrsten Sinne riesenhaftes Werkzeug, das beide nötig hatten, wenn sie sich Brennholzvorräte anlegen mussten. Diese Axt schleuderten sie sich über die kilometerweite Entfernung von einer Behausung zur anderen immer dann zu, wenn einer von ihnen sie nötig hatte. Hoch im Bogen wirbelte sie dann durch die Luft und versetzte die Zwerge, die den dichten Wald am Haarberg bewohnten, jedes Mal in Angst und Schrecken.

Blick in Richtung Steinhuder Meer

 

Bild 4: Wer sich ins Land der Legenden versetzt, sieht womöglich die Axt mitsamt Zwerg durch die Luft wirbeln – dorthin, wo heute das Steinhuder Meer ist.

 

Eines Tages wollte ein mutiger Zwergenmann das nicht länger hinnehmen. Er legte sich auf die Lauer und wartete ab, bis der Riese am Haarberg zur Jagd aufgebrochen war, stellte sich dann auf den Berg und brüllte mit verstellter Stimme zu dem Riesen an der Düsselburg, dass er ihm die Axt zuwerfen solle.

Kurz darauf kam sie wie bestellt angesaust. Der Zwerg warf sich nach vorn, um sie zu fangen, packte sie am Griff – und wurde mitsamt der Axt weit durch die Luft gewirbelt. Seine Kräfte hatte er eindeutig überschätzt.

Genau in diesem Moment kam der Riese zurück, erfasste den Plan des Zwerges und trampelte ihn wütend mitsamt der Axt tief in den Boden, in dem ein tiefes Loch entstand.

Nachdem der Riese zum Haarberg zurückgestapft war, krochen die übrigen Zwerge aus ihren Höhlen, versammelten um das Loch und weinten bittere Tränen um ihren toten Bruder. So lange, bis aus ihren Tränen das Steinhuder Meer entstand.

Weitaus weniger als das Steinhuder Meer fallen die sieben Hügel ins Auge, die mittig zwischen Rehburg und Mardorf aus dem Flachland der norddeutschen Tiefebene ragen. Keiner dieser Hügel ist mehr als drei Meter hoch und wer auf der Landstraße an ihnen vorbeifährt, wird sie kaum bemerken. Nur, wer sich mit der Geschichte auskennt, weiß noch, dass es diese sieben Hügel überhaupt gibt.

 

Heimatforscher Fritz Mackeben

Bild 5: Fritz Mackeben weiß noch, wo die sieben Hügel sind. Das Wäldchen, das auf ihnen gewachsen ist, machen sie für Vorüberfahrende nahezu unsichtbar.

 

Heimatforscher Fritz Mackeben ist einer derjenigen, er kann dorthin führen. Womöglich nur deshalb, weil er es war, der die Bell-Sammlung in die Hände bekommen und sie gemeinsam mit seiner Frau Renate voller Neugierde transkribiert hat. An den Hügeln zuckt jedoch auch er mit den Schultern. Nicht der Rede wert. Und doch hält sich hartnäckig die Erzählung, dass in diesen Hügeln mit Pomp ein König bestattet wurde.

 

Sieben Hügel und ein Goldschatz

Die Rehburger Legende, wonach der neunjährige Caesar an den sieben Hügeln auf den Knien seines Vaters Hannibal saß und den Römern ewige Rache schwor – sie dürfte dem Hirn von Schülern entsprungen sein, denen im Geschichtsunterricht nur gelegentlich vereinzelte Stichwörter ins Ohr drangen.

Aber was könnte dran sein an den Erzählungen über diese sieben Hügel, die in anderen Ausprägungen hartnäckig im Rehburger Gedächtnis blieben?

Mehrfach ist Lehrer Bell zugetragen worden, dass dort ein goldener Sarg verborgen sein soll, in dem ein „Mohrenkönig“ bestattet wurde. Einer will gewusst haben, dass das Gold mit einem weiteren Sarg aus Silber ummantelt ist und mehrfach berichteten die Schüler davon, dass den Sklaven, die ihren Herrn beerdigten, die Augen ausgestochen wurden, um den Ort nicht verraten zu können. Grausam und gruselig. Wie die Lage der Hügel in früherer Zeit, als das Steinhuder Meer noch weitaus größer war, sein Ufersaum bis nahe an die Hügel reichte und Moor und Sumpf angetan waren, Angst zu schüren. „Oh, schaurig ist’s, übers Moor zu gehen…“, um es mit Annette von Droste-Hülshoff zu sagen.

Seitdem sollen viele nach diesem Goldschatz gesucht haben. Keiner hat ihn je gefunden. Wie auch? Schließlich kann nur ein Sonntagskind, dass zur Geisterstunde wortlos danach gräbt, fündig werden…

Auch das erzählt man sich in Rehburg. Die Vermutung liegt jedoch allzu nahe, dass solche Geschichten in kalten Winternächten am prasselnden Kaminfeuer ihren Anfang nahmen. Oder verbirgt sich doch ein Fünkchen Wahrheit darin?

Kommunalarchäologe Daniel Lau merkt jedenfalls auf, als er von der Legende erfährt. Irgendwo müsse sie schließlich herkommen und gerade diese Gegend sei in archäologischer Hinsicht ein sehr sensibles Gebiet. Wer hat wann am Steinhuder Meer gesiedelt? Spuren im Boden verweisen in die Steinzeit und die römische Kaiserzeit, in denen es sich nahe am Wasser besser leben ließ als anderswo in karger Wildnis. Rührt daher die abstruse Geschichte von Caesar an den sieben Hügeln? 

Womöglich, sinniert Lau, habe irgendwann irgendwer eine römische Münze oder ähnliches an den Hügeln gefunden. Das allein genüge oft, um Geschichten über Jahrhunderte weiterzuspinnen. Er nimmt den Hinweis ernst und veranlasst, dass der Boden nahe den sieben Hügeln ein weiteres Mal und noch sorgfältiger abgesucht wird. Mit etwas Glück und viel Geduld kann der Geschichtsschreibung dann ein weiteres Puzzleteil hinzugefügt werden. Den goldenen Sarg und den „Mohrenkönig“ verweist er allerdings ein für alle Mal ins Reich der Märchen.

Wer nun Gefallen am Rehburger Grusel gefunden hat, kann darauf hoffen, dass Rehburgs Bürger- und Heimatverein die gesammelten Geschichten irgendwann öffentlich macht. Fritz Mackeben, der lange Jahre Vereinsvorsitzender war, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen und andere Schätze aus der Geschichte seiner Stadt allgemein zugängig zu machen.

Ein mühsames Unterfangen und eines, das angesichts der Vielzahl der Dokumente, die im Vereinsarchiv schlummern, nicht von heute auf morgen zu verwirklichen ist. Neben der Bewahrung der Geschichte verspricht sich Mackeben davon auch, dass diese oder jene Legende fortgeschrieben werden kann – weil reichlich oft doch ein Körnchen Wahrheit darin steckt.

Januar 2023

Text und Fotos: ade