Stadtgeschichte(n)

aus Rehburg-Locccum

Legenden und Geschichten aus Loccums Klosterforst

Legenden und Geschichten aus Loccums Klosterforst

Sonntags, wenn die Sonne vom Himmel lacht, sind Parkplätze auf Loccums Marktplatz Mangelware. Manche der Besucher schauen sich neugierig das gegenüberliegende Kloster an. Noch mehr aber lassen es links liegen, gehen an Kirche, Konventsgebäude und der uralten Zehntscheune stracks vorbei, um hinter dem kleinen Tor in der Mauer einen Spaziergang im großen Klosterforst zu genießen. Denjenigen, die dort einen Fuß vor den anderen setzen, haben wir hier die Geschichten zu den Orten zusammengestellt.

 


 

Das Paradies in Loccum

Wo liegt das Paradies? Wer in Loccum danach gefragt wird, verweist auf dieses rückwärtige Klostertor. Paradies? Das winzige Waldstück zwischen Mauer, Fulde und Backteich kann zwar mit knorrigen Wurzeln uralter Baumriesen aufwarten und zeigt sich im Frühjahr im schönsten Buschwindröschen-Kleid. Das Himmlische an dem Ort erschließt sich aber kaum. Und doch muss es den Klosterherren im ausgehenden 18. Jahrhundert so vorgekommen sein, nachdem einer ihrer Prioren die Landschaftsgärtnerei für sich entdeckt hatte und zahlreiche verträumt romantische Plätze im Klosterforst schuf.

 

Exotische Blumen im Klosterforst

Das sacht abfallende Geviert nahe der Mauer hatte dieser Prior sich auserkoren, um exotische Pflanzen zu setzen, zwischen denen sich schmale Pfade schlängelten. Lustwandelnd im Schatten bislang unbekannter Bäume sollen die Herren des Klosters sich nach getaner Arbeit dort ergötzt haben. Am Rand dieses Paradieses und mit Blick auf den Backteich, heißt es, sei ihnen des Sonntags an weiß gedeckten Tischen der Kaffee serviert worden. Ein kleiner Himmel auf Erden, der ihrer Vorstellung vom Paradies anscheinend sehr nah kam – und dessen Anblick dazu führte, dass der Nachwelt der eine oder andere Schüttelreim hinterlassen wurde:

 

Das Paradies

Wie schön bist du, liebliche Stille, friedliche Ruh:

Unter schattig grünen Bäumen

Will uns sein, als ob wir träumen;

Wasser rauschen sanft dazu.

An den Teichen, bei den Eichen

Stille Ruh, wie schön bist du!

Die sorgsam angelegten Wege sind im Lauf der Jahrhunderte überwuchert, exotisch erscheint uns heute keiner der Bäume im Paradies. Viel begangen wird es trotzdem immer noch. Davon erzählen die Trampelpfade im Unterholz auf denen es ratsam ist, Schuhe zu tragen, die auch schlammigen Abschnitten trotzen.

Doch zurück zum Beginn unseres Spaziergangs. Wir wählen zunächst den Hanns-Lilje-Weg, halten uns hinter dem Tor links, gehen zwei, drei Schritte, um die Geschichte einer Tanne zu erzählen, die schon seit 100 Jahren nicht mehr steht, aber immer noch für Heiterkeit sorgt.

Die Königstanne

Revolution im Kloster! Auch Loccum ist 1848 nicht von den Bauernaufständen verschont geblieben. Die Obrigkeit, an der sich der Zorn der Menge entlud, war das Kloster, an das die niederen Stände im Stiftsbezirk den Zehnt abliefern mussten. Eine aufgebrachte Menge aus Loccum, Münchehagen und Wiedensahl hatte sich zusammengerottet, durchbrach das Klostertor, stürmte die heiligen Hallen und drohte gar damit, die Gebäude anzuzünden.

„Rette sich, wer kann“, wird der Stellvertreter des Abtes, ein Prior namens König, sich gesagt haben, nahm die Beine in die Hand und floh – durch das Tor, das wir eben erst passiert haben. Die Meute soll ihm derart dicht auf den Fersen gewesen sein, dass er keine andere Chance sah, als sein Heil in der Höhe zu suchen. Er huschte ins Paradies und kletterte auf die nächstbeste Tanne. Ein Schelm, der bei der Vorstellung zu lachen beginnt, wie der wehende Talar des Kirchenmannes sich mit jedem Klimmzug mehr in den Ästen verhedderte…

Hoch oben soll der um sein irdisches Wohlergehen besorgte Prior die Loccumer Revolution gut überstanden haben. Der Anblick muss sich dem staunenden Volk aber derart eingeprägt haben, dass dieser Baum nach ihm benannt wurde und fortan nur noch ‚Königstanne‘ hieß. Sein Loccumer Vermächtnis hatte sich Prior König vermutlich anders vorgestellt.

Das Pilgermal in Loccum

Nun aber voran – an der Klostermauer entlang, über eine hölzerne Brücke und schon ist der nächste Punkt erreicht: Das Loccumer Pilgermal, das – je nachdem – Anfang oder auch Ende des Pilgerweges markiert, der zum thüringischen Volkenroda führt.

Ihn sollen zwölf Mönche und ein Abt im Jahr 1163 beschritten haben, ausgesandt von ihrem Mutterkloster, um in den moorigen Ebenen Loccums eine Abtei zu gründen.

Nach der Reformation des Klosters scherte sich niemand mehr um diesen Weg. Pilgern? Eine katholische Tradition, die Martin Luther weit von sich gewiesen hatte.

Manche Dinge ändern sich aber – und im Jahr 2005 entdeckten auch die Protestanten das Pilgern wieder für sich. Ihr erster Pilgerpfad ist jener, an dessen Anfang beziehungswiese Ende wir stehen.

Wer sich nun erfrischen möchte, biegt rechts ab auf den Pilgerweg, geht wohl 50 Schritte und achtet auf das zur Fulde abfallende Gelände zur Rechten. Anhalten, lauschen und dann, wenn es plätschert, den Abhang rechts heruntersteigen: Im Hang nahezu versteckt tröpfelt klares Wasser aus der Jakobsquelle.

Jakobsquelle

Deren Nass hat Trinkwasserqualität – und ihm werden sogar heilende Kräfte nachgesagt. Im Klosterort Loccum hat diese Mär über Jahrhunderte dazu geführt, dass Menschen sich in der Osternacht einen Trinkvorrat fürs folgende Jahr holten. Ein Schnapsglas pro Tag sollte genügen, um fürs Wohlbefinden zu sorgen. Die Bedingung, damit es seine Wirkung tun konnte: Der Weg musst schweigend zurückgelegt werden. Ob es je geholfen hat, sei dahingestellt. Aber der Glaube soll bekanntlich Berge versetzen.

 


Erfrischt? Dann geht es zurück zum Pilgermal und von dort weiter auf dem Hanns-Lilje-Weg zur Evangelischen Akademie Loccum. In der Tagungsstätte wird der Diskurs zu allen relevanten gesellschaftspolitischen Themen gepflegt, doch wir haben ein anderes Ziel, halten uns rechts, gehen um die Akademie herum, am Platz mit Brunnen vor dem Haupteingang vorbei - und stecken unseren Kopf in den Loccumer Summstein.

Der Summstein

Was wir tun sollen, wenn unser Kopf in der kreisrunden Aushöhlung dieses Steins verschwunden ist, verrät eigentlich schon sein Name: Summen!

Wie das Wasser der Jakobsquelle soll auch das Summen der Heilung dienen. Das zumindest glaubten die Bewohner Maltas in grauer Vorzeit, als sie solche Löcher in die Felsen ihrer Sandsteinhöhlen bohrten. Wer den richtigen Ton trifft, versetzt seinen Körper bis tief zu den Zehen in Vibrationen. Ein Spaß für die ganze Familie ist es allemal.



Gesche-Köllars-Weg

Sind alle Köpfe aus dem Loch heraus, geht es zurück bis zum Uhlhornweg. Ein Schild weist dort schon daraufhin, was nun kommt: Der letzte Weg derer, die im Kloster der Hexerei bezichtigt und zum Tode verurteilt wurden. Gesche Köllars war die letzte, die sich zum Richtplatz fahren lassen musste. Ihre Prozessakte aus dem Jahr 1660 ist im Kloster noch vollständig erhalten.

Diesem dunklen Kapitel seiner Geschichte haben sich Abt, Prior und Konvent erst vor einigen Jahren gestellt. Seitdem hat der Weg einen neuen Namen, erinnert im Kloster eine Tafel an die 28 hingerichteten Frauen und Männer und liegt in der Klosterpforte ein Büchlein aus, das mehr über dieses Unrecht erzählt.

 

Der Backteich im Klosterforst

Etwas leichtere Kost gefällig? Dann gehen wir nun schnurstracks gegenüber dem Akademie-Parkplatz in den Wald hinein. Immer der Nase nach bis wir an Loccums Hauptbach, der Fulde, landen. Hinter der Fulde blinkt das Wasser des Backteichs, an dem die Klosterherren so gerne ruhten. Wenn die Sonne schien. Doch es gab auch andere Zeiten…

 



Krüz up'n Puckel

Krüz up’n Puckel

Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter – am Backteich ist es immer herrlich. Allerdings mit Ausnahmen. Eine davon war die große Flut, während der alle Karpfen aus dem Teich stiften gingen und ein gewiefter Müller über Loccums Klosterförster triumphieren konnte.

Den Backteich legten schon die ersten Mönche an, setzten feiste Karpfen hinein und verzehrten sie mit Genuss an jedem Freitag. Dass die Mönchlein ihre Karpfen vor dem Entkommen gut sicherten, verstand sich von selbst. Ihren Freitags-Schmaus wollten sie sich nicht entgehen lassen.

Kein Entkommen? 1957, mit der großen Flut, entflohen nicht nur schlanke kleine Exemplare, sondern auch die prächtigsten Alten unter den Karpfen. Ein Damm brach, das Wasser kam mit Macht, trieb über den Teich bis in das Bachbett der Fulde und riss alle Karpfen mit sich.

Kaum wähnte der eben befreite Fischschwarm das Kloster hinter sich, saß er aber erneut in der Falle: Nun wurde ihm Hanebutts Mühlenteich zum Gefängnis, das malerische Gewässer der Wassermühle im Norden Loccums.

Der Müller hingegen konnte sein Glück kaum fassen, rieb sich die Hände und freute sich schon auf opulente Mahlzeiten. Doch noch vor dem ersten Fang klopfte des Klosters Förster an die Tür und verlangte vom Müller die Herausgabe des Klostereigentums.

Der Müller war gewillt, machte den Förster aber darauf aufmerksam, dass er, bitte sehr, nur des Klosters Karpfen mitnehmen möge. Die, meinte der Müller, sollten leicht zu erkennen sein: „Däei met’en Krüz up’n Puckel sind Jäoue!“ – „Die mit dem Kreuz auf dem Rücken sind Eure!“

Der Backteich hat keinen dieser Karpfen jemals wiedergesehen. Und die Karpfen? Für die war es Jacke wie Hose ob sie nun im Kloster- oder im Müller-Topf landeten. Aber immerhin hatten sie etwas zu erzählen.

Wir lassen die Fulde nun rechts liegen, folgen ihrem Weg bachaufwärts, kommen an einen Wirtschaftsweg und sehen rechts eine Brücke, die über den Bach führt. Ein unspektakulärer Zweckbau? Sicherlich. Und doch haftet dieser Brücke seit Urzeiten die Sage an, dass ein Gespenst auf ihr umgegangen sein soll.


Die Gespensterbrücke

Die Gespensterbrücke

So, wie hier abgebildet, kennt kein lebender Mensch mehr die Gespensterbrücke. 100 Jahre und ein bisschen mehr? Das dürfte das geschätzte Alter dieser Postkarte sein. Mit diesem Bild vor Augen lässt sich die Geschichte gut erzählen:

Es war einmal ein Prior des Loccumer Klosters. Sein Name? Nicht bekannt. Stattdessen ging aber in die Sagenwelt ein, dass er ein lasterhaftes Leben führte und insbesondere den Mädchen nachstellte. „Nach einem langen Sündenleben“, heißt es in der Überlieferung, verunglückte der unselige Mann auf dieser Brücke und kam elendiglich ums Leben. Doch war Loccum dadurch befreit von ihm? Keineswegs – ab diesem Zeitpunkt spukte er als Geist um die Brücke herum und niemand mochte sie mehr überqueren.

Nur ein Bann, meinten die Loccumer, könne das Gespenst vertreiben. Der Plan, den sie ausklügelten: An der Brücke müsse ein Fuhrmann den Prior auflesen und in den Schaumburger Wald fahren. Die gefährliche Fahrt sollte er gut bezahlt bekommen, allerdings dürfe er sich während der gesamten Fahrt kein einziges Mal umdrehen.

Das Geld lockte und ein tollkühner Fuhrmann fand sich bereit. Doch kurz vor der Grenze nach Schaumburg packte ihn die Neugier und er sah zurück. Hui! Schon trieb der Prior wieder sein Unwesen an der Brücke.

Ein zweiter Fuhrmann versagte ebenso, erst der dritte blieb standhaft. Seitdem muss sich niemand mehr an der Gespensterbrücke fürchten. Nur die Sage ist geblieben.

Ob der Prior heutzutage Schaumburg in Angst und Schrecken versetzt, ist nicht bekannt. Ebenso wenig wissen wir, was die Schaumburger den Loccumern angetan haben, dass sie es verdienten, deren Gespenster frei Haus geliefert zu bekommen.

Die Luccaburg

Den spukenden Prior lassen wir zurück, wenden uns auf dem Wirtschaftsweg nach links und biegen nach wenigen Schritten rechts in den Wald – auf dem Weg zur 

Luccaburg.

Beeindruckende Gemäuer samt Zinnen sind auf dieser Burg nicht zu erwarten und haben dort im Klosterforst auch niemals gestanden. Lediglich ein Hügel von 30 bis 40 Metern Durchmesser erhebt sich aus der Landschaft. Auf ihm stand im elften Jahrhundert der Stammsitz der Grafen von Lucca.

Ohne diese Grafen gäbe es das Kloster nicht, denn sie waren es, die ihr Land dem Zisterzienser-Orden stifteten. Den Luccas wurde daraufhin die Ehre zuteil, im Kloster bestattet zu werden. Ihre prächtigen Grabplatten liegen noch heute in einer der Kapellen.

Ein Besuch der Burg, wenn sie auch nur ein Hügel in der Landschaft ist und niemals auch nur der Hauch eines Geistes der Luccas in ihr gesichtet wurde, gehört beim Spaziergang im Klosterforst allerdings nahezu obligatorisch dazu. Vielleicht wegen der exponiert auf ihrer Kuppe aufgestellten Bänke, von denen der Blick über des Klosterförsters Rindviecher und bis zur Gespensterbrücke schweifen kann? Oder wegen des Denkmals, das in diesem Hügel einem weiteren Kloster-Prior gesetzt wurde. Jenem Prior Franzen, der auch das Paradies schuf.

Lisbeths Grotte

Von hier kann der Geschichten-Weg zurückführen zum Klostertor. Wer allerdings Lust auf weitere Wege im Klosterforst hat, zückt sein Smartphone und lässt sich via Maps zu „Liesbeth’s Grotte“ leiten. 1,5 Kilometer durch den Forst – 20 Minuten Fußweg.

Weshalb diese Grotte, die gar keine Grotte ist, den Namen einer Liesbeth trägt – alle Recherche ist vergebens, niemand weiß die Antwort. Hat ein Förster um 1900 seiner Herzensdame ein Denkmal setzen wollen? Das Gerücht geht um, ist aber keineswegs wahrscheinlich.

Da solch ein Ort aber - bitte schön - eine Geschichte haben sollte, haben sich diejenigen, die in der Stadt Rehburg-Loccum für Tourismus verantwortlich sind, auf die Suche gemacht und sind auf das Märchen von der treuen Liesbeth der Schriftstellerin Marie von Olfers gestoßen, das 1862 veröffentlicht wurde. Das, meinen sie, sei doch mal ein schöner Anfang für eine Legendenbildung:

Lisbeth, die Grotte und der alte Drache

Liesbeth, die Grotte und der alte Drache

Die treue Liesbeth war eine heimatlose Waise. Niemand wollte sie – bis auf den alten blinden Drachen, den sie tief im Wald und halb verhungert in einer Höhle fand. Mit ihm traf sie ein Arrangement: Pflegt sie den Drachen, so gibt er ihr dafür ein Zuhause.

Das war eine treffliche Vereinbarung, an der sie beide lange Freude hatten. Bis eines Tages ein ansehnlicher Prinz daher geritten kam, im tiefen Wald die schöne Liesbeth entdeckte und sie auf sein Schloss mitnehmen wollte. Aber so sehr dieser Prinz ihr auch gefiel, so gerne sie mitgegangen wäre, stand sie doch treu zu dem Versprechen, das sie an den Drachen band.

Es kam, wie es kommen musste: Der Prinz gab nicht so schnell auf und griff zu List und Tücke, um die holde Maid sein eigen nennen zu können. Das Ende vom Lied: Der Drache platzte vor Lachen und Liesbeth wurde des Prinzen Prinzessin. Die Höhle – beziehungsweise Grotte – blieb danach verwaist. Und woher sie ihren Namen bekommen hat, das können wir uns irgendwie denken.

April 2023

Text und Fotos: Beate Ney-Janßen